Ερμηνευτικά στον Πλατωνικό Κρίτωνα

 

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1972 (EN)
Ερμηνευτικά στον Πλατωνικό Κρίτωνα

Πλατής, Ε.Ν.

1. Der Dialog Kriton hat einen im strengen Sinne philosophischen Gehalt, der aber bisher mit Ausnahme der Abhandlung von Mewes (1890) sowie der interpretativen Arbeit von Guardini (1943) sonst kaum beachtet worden ist. Auch seine Struktur, welche dn Eindruck einer philosophischen Unreife entstehen läßt, ist implizite fast vollkommen tadellos. Aberer bedarf einer inneren Interpretation, welche ohne in das Werk fremde Inhalte hineinlegen zu wollen, vielmehr danach trachtet, die wirlkichen Inhalte desselben, und seien sie noch so implizite, herauszustellen. Der echt philosophische Teil erstreckt sich von 46 b-54 d, d.h. auf die Argumentation des Sokrates. 2.1 Grundlegung er theoretischen Ethik der Gerechtigkeit und deren Aufbau von der Seite des Nicht-Unrecht-Tuns (46 b-49 e). Am Beginn (46 b-c) setzt der Logos, die Vernfunft, sich selbst prinzipiell als die einzige Quelle von absoluter Gültigkeit in uns. Die zur Setzung, des Sachverständigen (επαίων), des vernünftig fungierenden Menschen, der Verwirklichung der Vernunft, leitenden unvollständigen induktiven Schlüße (47 a-48 a) können nur den Wert eines Hilfsmittels haben für den philosophischen Laien (Sokrates‘ Gesprächspartner) zum Begreifen des absoluten Primats der Vernunft. Die Ethink ist im Kriton nach dem zur Zeit Sokrates‘ und Platons hervorragenden Vorbild der Mathematik als eine axiomatische Wissenschaft gemeint. Ungleich den empirischen Wissenschaften, in denen es langjähriger Forschung bedarf, kann jedermann sofort im Bereich der axiomatischen Wissenschaften zum Sachverständigen werden und damit zur absolut gültigen Lösung gegebener Probleme gelangen : wenn er nur, richtig, denkend, zu den auf dem fraglichen Gebiet – dem mathematischen, dem ethischen –obwaltenden Axiomen der Vernunft hinuntersteigt und, davon ausgehend, in logischer Folgerichtigkeit aufbaut und aus dem so Aufgebauten die Folgerung für das gegebene Problem zieht. Das wird auch Sokrates unter der logischen Kontrolle Kritons versuchen, denn im Wesen des Denknens liegt die Möglichkeit des Fehlers wie denn auch diejenige der Aufhebung des Fehlers und damit der Erreichung des absolut Richtigen, des Wahren. Das ethische Axiomensystem besteht zunächst aus folgenden drei Sätzen: Man soll gut (ευ) leben. Gut leben bedeutet schön (καλώς) und gerecht (δικαίως) leben; man soll also schön und gerecht leben. Man soll demnach nicht schimpflich (αισχρώς) und ungerecht (αδίκως) leben. Letzteres ist dem zweiten Axiom äquivalent. Denn die für die formale Logik konträren Begrifee: schön – schimpflich, gerecht – ungerecht, gut – schlect u. dgl. sind für die deontologische Theorie des Handelns, welche die Ethik ist, kontradiktorisch, da sie gemeint sind als bestimmt von dem Begriff der Freiheit des Handelns, dem ersten Begriff der Ethik. Da die Nicht – Verwirklichung des Teils genügt, das Ganze – nämlich das Gut-leben – aufzuheben, sei zunächst auf das Verbot des Unrechttuns beschränkt. Man soll also nicht unrecht leben, man soll nicht Unrecht tun. Ungleich dem herkömmlichen griechischen ethischen Bewußtsein, das die formulierten drei Axiomen zwar völlig bejaht, aber dennoch die Vergeltung des Unrechts mit Unrecht iknonsequenterweise für gerech hält, kommt dann Sokrates in logischer Konsequenz mit den drei Axiomen auch zu folgendem Axiom: Mann soll nicht Unrecht mit Unrecht vergelten, denn eine solche Vergeltung ist eine Art der Gattung: Unrechttun, und was von der Gattung gilt, gilt auch von der Art. Die gewonnenen vier Sätze konstituieren nicht das ethische Axiomen-system der gesamten Ethik – denn wir haben uns auf einen Teil des ganzen Inhalts des Gut – lebens, auf das Gerecht-leben, beschränkt -, sondern dasjenige einer Disziplin derselben, der Ethink der Gerechitigkeit. Es könnte nun der vollständige Aufbau dieser Ethink unternommen werden. Aber wie sich der Geometer z.B. zur Lösung des Problems eines konkreten Dreiecks darafuf beschränken kann, auf derjenigen Seite des geometrischen Axiomensystems aufzubauen, von der zu den Dreiecken gelangt, so wird auch im Kriton auf der Seite des Axiomensystems der Gerechtigkeitsethik aufgebaut, die zu dem gegebenen Problem der ethnischen Zulässigkeit der Flucht leitet: auf der negativen Seite, der Seite des Nicht-Unrecht-tuns. Aus den Gattungsbegriffen: Unrecht-tun, Unrecht-mit-unrecht-vergel-ten werden die Artbegriffe: Schaden-zufügen, Schaden-mit-Schaden-ver-gelten gewonnen. Insofern das von der Gattung Geltende auch von der Art gilt, ist beides unerlaubt. Durch weitere Spezialisierung des Begriffs: Schadenzufügen wird der Begriff gewonnen: Gerechte- Versprechungen- übertreten. Auch das ist unerlaubt. Will man auch das zweite Glied des zweiten Axioms gebrauchen, so gelangt man ebenfalls zu einer positiven Folgerung: Man soll gerechte Versprechungen erfüllen. 2.2. Angewandte ethische Untersuchung vom Standpunkt des Nicht – Unrecht-tuns (49 e-53 a). Durch seine Flucht wird Sokrates Unrecht, sogar sehr schweres Unrecht tun, denn er wird einer sehr heiligen Person, dem Vaterland, Schaden zufügen, und zwar um so größeren Schaden, als er dabei auch seine ihr gegebenen diesbezüglichen Versprechungen übertreten wird. 2.3 Angewandte ethische Untersuchung vom Standpunkt des Gut-lebens im Ganzen und speziell des Nicht-schimpflich-lebens (53 a-54 b). Die Flucht wird den Freunden, eentuell auch den Kindern nichts Gutes bringen, sie wird ihnen vielmehr Schaden zufügen, was für Sokrates als Freund und Vater schimpflich ist. Sie wird übrigens auch für die Person Sokrates in jeder schimpflich sein. 2.4 Metaphysische Andeutungen (54 b-d). Auch angesichts der metaphysischen Gesetzmäßigkeit wird Sokrates durch seine Flucht schludig werden. 3.1.1 Eine logische Kluft liegt im Kriton zwischen 48 a und 48 b vor. Am Ende von 48 a sollte gefragt werden, wer der Sachverständige sei. Statt dessen stellen sich am Ende des 48 b Sokrates und Kriton selbstverständlicherweise als Sachverständige dar. Es handelt sich jedoch, wie oben (2.1) angedeutet wurde, um keine wirkliche logische Kluft. Sokrates‘ Schüler Platon kennt schon die Objektivität des Denkens – nach neuzeitlichem Begriff : das transzendentale Bewußtseinsmoment. Deshalb der axiomatische Charakter des Aufbaus der Ethik im Kriton. Dergleichen überrascht freilich angesichts der aporetischen Methode der anderen Frühdialoge. Es sollte hier jedoch eine eindeutige und gut begründete Entscheidung erreicht werden, was ohne axiomatischen Aufbau unmöglich wäre. 3.1.2 Die Untersuchung von 53 a bis 54 b ist keine im guten Sinne utilitaristische – als sei an Stelle der bereits ergänzten absolut ethischen Untersuchung eine nach dem sogenannten gesunden Menschenverstand eingetreten. Die bisher von dem Logos (dem Sachverständigen) durchgeführte absoult ethische Untersuchung geht einfach von dem Standpunkt des Gerechten zu demjenigen des Guten im allgemeinen und spezieller des Schönen über. Besteht nämlich die Tugend (αρετή) nicht nur aus Gerechtigkeit sondern auch aus anderen Teilen, so werden diese in dem nur partial systematischen Werk, welches der Kriton ist, unter dem multivalenten Begriff des Schönen subssumiert und ausgesprochen. Es handelt sich naturgemäß um kein sozial Schönes, sondern um das Schöne uns seblst, bzw. den Tüchtigen (επιεικέστατοι) genenüber. 3.2 – 3.4 Der Kriton sellt in der Geschichte den ersten Aufbau einer systemeatischen theoretischen Ethik dar. Er verdient es infolgedessen als ein im strengen Sinne philosophisches Werk angesehen zu werden (s.o.l). Es Handelt sich freilich um einen nur partialen systematischen Aufbau. Diese systematische Ethink ist eine ratinonalistische; ihr Axiomensystem geht aus der prinzipiellesten Selbstsetzung der sich praktisch auswirkenden Vernunft hervor. 3.5 - 3.6 Die die Setzung des Sachverständigen vorbereitenden unvollständigen induktiven Schlüße (47 a-48 b) dienen auch zur Setzung der absoluten Autonomie der logisch denkenden Person gegenüber der Gemeinschaft und damit zur Setzung der absoluten Gültigkeit der philosophischen Ethink gegenüber der sozialen Ethik. Zur Hervorhebung der Einzigartigkeit der Person und des unerschtütterlichen Wertes der Ethik derselben bedürfte aber Platon auch des Begriffs der Vielen und deren Ethik. Er läßt sie in der Argumentation Kritons zu Wort kommen (vgl. 48 c 2-6). Erst von hier aus erhält das sonst logisch und psychologisch unhaltbare Argument Kritons einen Sinn: die Vielen würden ihn sogar gefährlicherweise beschuldigen, er habe Sokrates nicht fliehen geholfen. Der Begriff des Sachverständigen, der logisch denkenden und damit autonomen Person, entthront das bisher im Griechentum obwaltende soziale Wertbewußtsein, ohne welches das griechische Wunder von Homer bis Perikles nicht denkbar ist. Das hat seinen geschichtlichen Grund darin, daß das griechische soziale Wertbewußtsein, ohne welches das griechische Wunder von Homer bis Perikles nicht denkbar ist, die Werte zu begründen. Als neue Grundlage wird die Seele eingeführt – freilich eng, rationalistisch, als reine Vernunft verstanden. 3.7 Von hier aus ist auch der im Kriton so eindrucksvoll hervrortretende Patriotismus des Sokrates zu verstehen. Vaterland und Sokrates sind Personen, d.h. empirische όντα mit einer rein geistigen, rein logischen Schicht. Eine Rangordnung regelt die ethischen Beziehungen der Personen zueinander auf der absoluten Ebene der reinen Geistigkeit, der reinen Vernunft. Das Vaterland ist die höchste Person, ihm gebührt demnach von seiten des Bürgers Respekt, letzlich Gehorsam. Der Bürger verhält sich zu ihm wie das Kind zu den Eltern – aber nicht wie der Knecht zum Herrn (das ist eine inkonsequente Übertreibung Platons, 50 e), denn er hat infolge seiner reinen Vernünftigkeit wichtige Rechte, das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Recht zu versuchen, andere zu überzeugen, und das Recht der Auswanderung (51 b-52 a). In allen Personen ist die Vernunft mit Leiblichkeit, mit Materialität verbunden. Eine Person gelangt über eine gegebene Frage erst zur richtigen Meinung, wenn sie im gegebenen Fall ihre Vernunft von der Leiblichkeit hat lösen und damit rein fungieren lassen können. Das ist eine Leistung, die durchaus von der Person abhängt und mit dem Rang derselben nichts zu tun hat. Ist eine Person zur richtigen Meinung gelangt – was sich in der logischen Seblstkontrolle, bzw. in der Kontrolle durch die anderen ausweist - , so muß und darf sie diese Meinung aussprechen, für sie die adneren Personen zu gewinnen versuchen und an ihr festhalten, auch wenn ihr noch so viele und noch so hochgestellte Personen nicht zustimmen. Sie erfüllt damit ihre Pflicht, nicht nur der reinen Vernunft überhaupt, sondern auch den mit ihr nicht übereinstimmenden Personen gegenüber, denn sie verhilft ihnen dazu, sich von der eigenen Leiblichkeit zu lösen und in der gegebenen Frage das Richtige, das Wahre zu erreichen. Der Bürger hat also dem Vaterland gegenüber die doppelte ethische Pflicht, im Bereich des Handelns zu gehorchen, im Bereich der Meinung sich offen auszusprechen. Erst von hier aus erhellt die Bezeichnung der Gesetze des Vaterlands als Brüder der Gesetze im Hades (54 c.) Sie sind es als empirische und damit noch so unvollständige Verwirklichungen der Gesetze im Hades, d.h. der in der reinen Vernunft-Schicht, im reinen Wesen des Vaterlands herrschenden Gesetzmäßigkeit. 3.8 Insofern im Kriton – sowie in der Apologie – das Urteil des Gerichts nicht bloß als ein Justizirrtum angesehen, sondern mit einer radikalen Respektlosigkeit der Athener Gerichtsbarkeit gegenüber kritisiert wird (44 d 6-10, 46 c2-6, 48 c 4-6), ist es nicht konsequent, dafür die konkreten Gesetze freizusprechen und auf die Richter die ganze Schuld zu schieben (54 b 8-c 1). Die Richter schöpfen ihre Macht aus den konkreten Gesetzen. Die letzteren sind also daran schuld, daß sie durch das Lossystem ungeeignete Bürger zu Richtern werden lassen. Erst wenn in der erwähnten Text-stelle die Idee der Gesetze, das überhaupt durchs Gesetz beherrschte Wesen des Vaterlands gemeint ist, steht die vollzogene Freisprechung mit dem ganzen Gedankengebäude des Kriton in Einklang. 3.9 Die ethische Untersuchung im Kriton bezieht sich auf die geistige und ethische Größe, auf die Person : Sokrates erst in dem kleinen Teil 53 a-54 b (s.o. 2.3). Im übrigen ist sie allgemein, sie wird in der umpersönlichen, der absoluten Dimension des Sollens überhaupt durchgeführt. 3.10 Seinem tiefsten Sinne nach läuft der Kriton auf folgendes hinaus. Indem sich Sokrates weigert zu entfliehen, obwohl er damit das höchste empirische Gut, sein Leben, verliert, ist er ipso facto im höchsten Grad gerecht und schön, im höchsten Grad gut. 3.11 Sokrates‘ Standhaftigkeit in seinen bisherigen Ansichten (46 b) hat nichts Fanatisches, mit dem Ich-Komplex Verwobenes in sich. Wie jeder Wissenschaftler, ist auch Sokrates jederzeit bereit, von Anfang an seine Ansichten zu überprüfen, sogar unter der Kontrolle irgendeines anderen, der entschlossen ist, hierüber richtig zu denken (46 c-d). 3.12 Die rationalistische Philosophie baut die Ethik als Gebäude der reinen Vernunft auf. Aber das ethische Bewußtsein hat auch religiöse Wurzeln. Platon weiß es; aber da dergleichen die Vernunft transzendiert, beschränkt er sich auf eine bloße Andeutung im letzten Teil des Dialogs (54 b-d).

Επετηρίδα

Ιστορία της Φιλοσοφίας
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